Die Mathias-Thesen-Werft und ihre Faltboote

Produktion des "Delphin 110, Typ II" 1965 in der Kanalstraße. Foto: Stadtarchiv Wismar

Heute scheint das alles nur schwer vorstellbar: eine Großwerft in Wismar, die Ozeanriesen baut - und bis 1990 auch wenige Meter kurze Faltboote? In der damaligen DDR war das aber durchaus nicht ungewöhnlich. Nahezu alle großen Industriebetriebe stellten nebenher Konsumgüter - d.h. Produkte für den Endverbraucher - her.

Gegründet wurde die Werft in Wismar 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht als reiner Reparaturbetrieb. 1947 übergaben die Sowjets das Unternehmen an die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Jahre nach Gündung der DDR wurde der Werft 1951 der Name eines im Dritten Reich ermordeten Kommunisten verliehen, von nun an hieß sie Mathias-Thesen-Werft, oder kurz: MTW.

1954 verlangte die SED - nicht zuletzt als Reaktion auf den Aufstand vom 17. Juni 1953 - von den Industriebetrieben verstärkte Anstrengungen bei der Produktion von Konsumgütern. Entsprechend dieser Vorgaben wurden im gleichen Jahr bei der MTW die ersten Faltboote gefertigt, und zwar der Viersitzer Delphin 110 und der hochwertige Kajak-Zweier Delphin 85. Im Folgejahr erweiterte MTW die Produktpalette um einen Kurzzweier namens Kolibri. Hergestellt wurden die Boote in einiger Entfernung zur Werft am Standort Kanalstraße. Die räumliche Trennung begünstigte mit den Jahren eine zunehmende Verselbstständigung des Faltbootbaus.

Als Industrieruine präsentiert sich der ehemalige Fertigungsort im Sommer 2009 - knapp 20 Jahre nach Ende des Faltbootbaus. Foto: R. Bartusel

Wenn auch Delphin 110 und Kolibri eigene Entwicklungen der MTW waren, tauchten sie immer wieder mit anderen Herstellerangaben auf. Beide Modelle sind auch als Produkte von VEB Wassersport und Campingbedarf (bzw. VEB Favorit) aus Pouch und im Fall des Kolibri von LFB Stern aus Leipzig anzutreffen. Inwieweit bestimmte Boote tatsächlich an anderem Ort produziert wurden oder ob lediglich ein "Etikettenschwindel" des DDR-Außenhandels vorliegt, lässt sich im Einzelfall allerdings häufig nicht mehr nachvollziehen.

Ungeachtet eines kurzen Innovationsfeuerwerks zu Beginn der 1960er Jahre (Falt-Katamaran Scalare, Tragflächenboot auf Basis des Delphin 110) blieb man in Wismar der 1964 bestehenden Produktionslinie bis zur Wiedervereinigung treu: Wohl wurde der Delphin 85 aus dem Programm genommen, doch waren mit Kolibri Tramp, Delphin 110 und Delphin 150 noch 1990 Bootstypen im Angebot, die denen von 1964 grundsätzlich entsprachen.

Die Abteilung Faltbootbau wuchs über die Jahre deutlich an. Hatte man 1956 erstmals die 1.000er-Grenze erreicht, wurden Ende der achtziger Jahre etwa 4.000 Boote pro Jahr gefertigt. Die Mitarbeiterzahl erreichte Ihren Höchststand mit etwa 120 Personen, die allerdings nicht nur im Faltbootbau tätig waren: So wurden in der Abteilung auch andere Produkte wie z.B. Falttüren hergestellt und darüber hinaus produzierte man in Wismar für andere Hersteller (Verdecke für die Ibis-Motorboote des VEB Yachtwerft Berlin).

Leider hat die MTW-Faltbootproduktion den deutsch-deutschen Vereinigungsprozess nicht überstanden. Die enge Anbindung an die Wismarer Großwerft, welche mit dem eigenen wirtschaftlichen Überleben beschäftigt war, sowie die zu der Zeit geringe Nachfrage nach Faltbooten verhinderten letztlich die Fortführung der Produktion. Angesichts des schwierigen Werdegangs der Poucher Faltbootbauer nach 1990 erscheint diese Entscheidung nachvollziehbar. Doch seit einigen Jahren ist eine langsam steigende Nachfrage nach Faltbooten zu verzeichnen, vielleicht reicht dies ja irgendwann einmal für eine Wiederbelebung in Wismar...

Die Produktionsstätte für den Faltbootbau befand sich östlich der Wismarer Innenstadt zwischen Kanalstraße und Bahnlinie: