Delphin, Kolibri & Co.

MTW startete sein Faltbootangebot 1954 mit dem Zweier-Kajak Delphin 85 und dem Mehrzweckboot Delphin 110. Im Folgejahr wurde das Sortiment um den Kompaktzweier Kolibri erweitert. Später kamen noch das Faltruderboot und der Falt-Katmaran Scalare 250 dazu.

Den zentralen Bestandteil der MTW-Faltbootproduktion bildeten der Delphin-Viersitzer und das Kolibri-Kajak, beide Modellreihen wurden in hoher Stückzahl bis 1990 gebaut.

 

Delphin Kajak

Der Delphin 85 präsentiert sich häufig farbenfroh, hier in gelb-rot, Foto: R. Bartusel

Delphin 85

Bauzeit: 1954 bis 1963

Gebaute Exemplare: mehr als 2.000

Länge: 5,3 m
Breite: 0,85 m

Der Delphin 85 war das erste von MTW gefertigte Kajak. Hochwertig verarbeitet eignete sich der Zweier als Freizeitboot auch für längere Touren. Die Verarbeitungsqualität war wahrscheinlich ursächlich für das (nicht zutreffende) Gerücht, der Delphin 85 sei ein Boot für leitende Kader der DDR. Ab 1954 zunächst in großer Stückzahl hergestellt, reduzierte sich das Bauvolumen in den Folgejahren zugunsten des einfacheren und kleineren Kompaktzweiers Kolibri.

Im Zuge einer staatlich verordneten "Entwirrung" der überschneidenden Angebote von MTW und den VEB-Faltbootbauern in Pouch stellte man in Wismar wahrscheinlich 1963 die Produktion des Delphin 85 ein: Während in Pouch mit dem RZ 85 ein sehr ähnliches Boot weitergebaut wurde, konzentrierte sich der MTW-Faltbootbau fortan auf seine Delphin Viersitzer und die Kolibri-Reihe.

Datenblatt MTW Delphin 85 bei typen.faltboot.org

Delphin Jollen

Delphin 150 mit Motor "Forelle 75" um 1987 in der Wismarer Bucht, Foto: H. Weinöhl

Delphin 110, 130/Pirat, 140, 150

Bauzeit: 1954 bis 1990

Gebaute Exemplare: mehr als 25.000

Länge: zwischen 3,9 und 4,8 m
Breite: zwischen 1,1 und 1,5 m

Mit Delphin 110 und Delphin 85 startete 1954 der Faltbootbau bei MTW in Wismar. Die Zahl in der Modellbezeichnung bedeutete wie bei Faltbooten üblich die Breite des jeweiligen Modells in cm. Bei den Delphin-Viersitzern handelt es sich grundsätzlich um Mehrzweckboote, die sowohl unter Segeln als auch mit Motor oder Rudern bewegt werden konnten. Abhängig von Rumpfform und Bauart eignen sich die verschiedenen Modelle jeweils eher für die eine oder andere Antriebsart.

Delphin 110 Typ I: Erstes Mehrzweckboot von MTW. Aufgrund seiner schmalen Bauform und des fehlenden Mittelschwerts vor allem als Motorboot geeignet. Hochwertige Konstruktion unter Verwendung von Massivholz.
1961 präsentierte MTW auf der Leipziger Messe eine Variante des D110 als Tragflächenboot.

Delphin 110 Typ II: Verbesserte Version des Typ I, dessen Aufbau einfacher gelingen sollte. Massivholz wird nicht mehr verwendet.

Delphin Pirat: Kürzer als der D110, dafür mit 1,3 m deutlich breiter, wurde dieses Modell 1964 mit verbesserten Segeleigenschaften eingeführt. Entsprechend eines (nicht nur in der DDR) geänderten Freizeitverhaltens nutzen die meisten Eigentümer das Boot aber hauptsächlich mit Motorantrieb.

Delphin 130: selten anzutreffende Modellbezeichnung, identisch mit dem Pirat.

Delphin 140: Die 10 cm breitere Weiterentwicklung von Pirat/D130 wurde 1966 vorgestellt. Auch wenn der Bootsrumpf konstruktionsbedingt ein Kompromiss zwischen Motor- und Segelboot bleibt, bescheinigt die Fachzeitschrift "Der Segelsport" dem Boot 1969 "gute Segeleigenschaften", die "einem Holzboot in dieser Größenordnung gleichgestellt werden" können.
Die als reines Motorboot angebotene Variante Delphin 140 M verfügt über eine dritte Sitzreihe, hat keinen Schwertkasten und ist 90 cm länger als das Basismodell.
Die Variante Delphin 140 BK unterscheidet sich nicht erkennbar vom Basismodell. Anders als beim D140M scheint es für den D140BK keine eigene Zählung der Baunummern zu geben.

Delphin 150: 1987 eingeführt stellt der letzte Viersitzer von MTW endlich eine gleichermaßen akzeptable Lösung für den Motor- wie Segeleinsatz dar. In einer betriebsinternen Dokumentation wird gegenüber dem D140 eine "Gebrauchswerterhöhung von ca. 50%" konstatiert.

Datenblatt MTW Delphin 110/1 bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Delphin 110/2 bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Delphin 130 (Pirat) bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Delphin 140 bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Delphin 140 M bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Delphin 150 bei typen.faltboot.org

Kolibri Kompaktzweier

Es muss nicht immer Blau sein: Bunter Kolibri IV von 1989, Foto: R. Bartusel

Kolibri I bis IV, Kolibri Tramp/Tramp A

Bauzeit: 1955 bis 1990

Gebaute Exemplare: mehr als 38.000

Länge: 4,5 m
Breite: 0,75 - 0,8 m

Die am häufigsten hergestellte Baureihe der MTW-Faltbootproduktion stellen die Kolibri-Kajaks dar. Ihre Entstehungsgeschichte muss in direktem Zusammenhang mit dem Ressourcen-Verbrauch im Faltbootbau gesehen werden. Da die 1954 eingeführten Delphin-Modelle sehr hochwertig ausgestattet und verarbeitet waren, mahnte die Werftleitung schon bald einen sparsameren Materialverbrauch an. Im Ergebnis dieser Anforderung stellte man 1955 den Kolibri-Kompaktzweier vor, der deutlich kleiner und einfacher als die Delphin-Boote ausfiel.

In Unterscheidung zum Reise- oder auch Wanderzweier Delphin 85 wurde für den Kolibri die Bezeichnung Wochenendzweier gewählt. Dies sollte zum Ausdruck bringen, dass er für die Mitnahme von größeren Gepäckmengen auf längerer Fahrt nicht geeignet sei. Außerdem zeichnet sich der Kolibri als Zweier durch eine "intime" Platzanordnung aus: Kritiker monieren, dass die Insassen zu eng beieinander säßen.

Doch die kompakte Bauweise birgt auch Vorteile: Im Gegensatz zu seinen größeren Brüdern lässt sich der Kolibri zerlegt problemlos im Kofferraum auch kleinerer Autos verstauen. Und durch die geringe Länge von 4,5 m eignet er sich gut als provisorischer Einer, dessen große Luke langen, dicken oder alten Menschen den Einstieg erleichtert.

Der Kolibri kommt im Vergleich zu anderen Booten etwas bauchig daher. Seine Neigung zum Kentern ist dadurch gering, das Vorankommen wird aber behindert. Mit dem Kolibri IV führte MTW deshalb 1983 eine veränderte Skelettform ein, welche die Fahrqualitäten spürbar erhöhte.

Kolibri I: Hochwertig gefertigtes Boot mit Gummihaut und hohem Anteil an Massivholz.

Kolibri II & III: Nahezu baugleiche Boote, der Typ III verfügt über vereinfachte Beschläge. Weitgehende Verwendung von Schichtholz. Typ III wurde u.U. bis in die späten 70er Jahre nicht bei MTW gefertigt, siehe dazu die Seite Von Kolibri II zu III.

Kolibri IV: Der von 1983 bis 1989 hergestellte Typ verfügt dank einer veränderten Gerüstkonstruktion über verbesserte Fahreigenschaften.

Kolibri Tramp: 1989 Nachfolger von Kolibri III & IV mit deutlich aufgewertetem Skelett und seitlichen Luftschläuchen. Da nicht genügend Auftriebsschläuche beschafft werden können, stellt MTW neben dem Kolibri Tramp A(uftriebsschlauch) auch eine einfachere Version mit Spitzenbeuteln und entsprechend angepasster Bootshaut her.

Datenblatt MTW Kolibri I (Urahn) bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Kolibri II bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Kolibri III bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Kolibri IV bei typen.faltboot.org

Datenblatt MTW Kolibri Tramp bei typen.faltboot.org

Falt-Katamaran

Falt-Katamaran während Leipziger Messe 1961, Foto: H. Weinöhl

Scalare 250

Bauzeit: 1962 bis 1962/63

Gebaute Exemplare: ca. 200 bis 300

Länge: 5,0 m
Breite: 2,5 m

Der Scalare 250 erregte aufgrund seiner Größe und ungewöhnlichen Konstruktion als Katamaran bei der öffentlichen Präsentation auf der Leipziger Messe 1961 große Aufmerksamkeit. Die Serienproduktion wurde 1962 aufgenommen, doch schon (wahrscheinlich) im Folgejahr wieder eingestellt. Hierfür dürften vor allem zwei Gründe verantwortlich sein:

1. Als Exportboot geplant, verkaufte sich der Falt-Katamaran im Ausland nicht so erfolgreich wie erhofft. Während sich z.B. ostdeutsche Motorboote und Jollen in der Bundesrepublik sehr gut verkaufen ließen, wurde der Scalare 250 in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

2. Die Herstellung des vergleichsweise aufwändigen Katamarans stellte für den MTW-Faltbootbau eine erhebliche logistische Belastung dar. Die Abteilung in der Wismarer Kanalstraße war darauf eingerichtet, kleine Boote zwischen 30 und 70 kg Gewicht zu bauen. Der Scalare 250 gehörte mit seinen ca. 200 kg einer anderen Größenordnung an.

Datenblatt MTW Scalare 250 bei typen.faltboot.org

Sonstige

Nicht elegant, aber praktisch - das MTW-Faltruderboot, Foto: www.patcool.de

Faltruderboot

Bauzeit: 1978 bis mindestens 1984

Gebaute Exemplare: mehr als 2.500

Länge: 2,35 m
Breite: 1,1 m

Das Faltruderboot wurde 1978 als deutlich vereinfachte Version der MTW-Mehrzweckboote auf den Markt gebracht. Durch in die Haut eingearbeitete Luftschläuche war es weitgehend unsinkbar. Praktische Erfahrungen mit dem 2-Sitzer zeigen schnell, dass sein primärer Einsatzzweck wohl nicht in der Fortbewegung liegt. Als geeignete Zielgruppe wurden deshalb wiederholt Angler oder andere Personen genannt, sie sich weitgehend stationär auf Gewässern aufhalten.

Da das Faltruderboot in Preis und Gewicht den vielfältiger einsetzbaren Delphin 4-Sitzern ähnelt, verkaufte es sich in der DDR eher schlecht.

Datenblatt MTW Faltruderboot bei typen.faltboot.org