Zwei VEB - ein Produkt

Faltboote wurden in der DDR von verschiedenen Unternehmen hergestellt, die bis auf eine Ausnahme aber alle deutlich geringere Stückzahlen als der MTW-Faltbootbau produzierten. Bei der Ausnahme handelt es sich um einen Betrieb in der kleinen Stadt Pouch, nicht weit vom bekannteren Bitterfeld gelegen. Ebenso wie die Wismarer Freizeitbootbauer waren die Poucher Bestandteil eines großen VEB, dessen Zusammensetzung und Name sich zu DDR-Zeiten mehrfach änderte.

Zeitgenössisches MTW-Datenblatt zum D110
Faltboot Delphin 110, Technisches Datenblatt

Der VEB KTW ("Kunststoff- und Textilveredelungswerk") Pouch hatte bereits ein Jahr vor der MTW damit begonnen, Faltboote herzustellen. So konnte man für sich in Anspruch nehmen, selber zum Produkt gefunden zu haben und nicht wie im Falle von MTW durch den "Neuen Kurs" der SED 1954 darauf gestoßen worden zu sein.

In Bezug auf die Kajak-Produktion hatte Pouch die meiste Zeit die Nase vorn. Nachdem in Wismar 1963/64 die Produktion des Delphin 85 eingestellt worden war, konkurrierten vor allem der RZ 85 aus Pouch und der deutlich kleinere Kolibri von MTW um die Gunst der Kunden in Ost und West. Eine Einschätzung aus der Zeit bringt die Popularität der Boote auf den Punkt: Wer viel Glück hatte, fuhr den RZ 85. Wer weniger Glück hatte, den Kolibri. Und wer kein Glück hatte, fuhr gar nicht.

MTW konnte allerdings mit seinen Delphin-Mehrzweckbooten punkten, hier hatte Pouch bis zur Wiedervereinigung nichts vergleichbares im Angebot. Ende der fünfziger Jahre waren die Verhältnisse aber kurzzeitig anders, was bis heute immer wieder zu der irrigen Annahme führt, die Wurzeln der Delphin-Mehrzweckboote lägen in Pouch und diese seien erst 1959 von MTW übernommen worden.

Der erste Delphin 110 - und damit das erste Mehrzweckfaltboot - wurde 1954 in Wismar entwickelt und hergestellt. In einer Übersicht zur "Massenbedarfsgüterproduktion in der MTW" (Stadtarchiv Wismar, ZGS, SM 3.01) ist für das Jahr 1954 die Fertigung von "52 Faltboot - zweier, 1 Faltboot - vierer" aufgeführt. Im Folgejahr sind es bereits 215 Viersitzer. Hierbei handelt es sich um den Delphin 110, welcher gemeinsam mit dem zweisitzigen Delphin 85 den Ausgangspunkt für die MTW-Faltbootproduktion bildet.

Anzeige des VEB KTW Pouch in der Zeitschrift "Der Kanusport", Ende 1956.
Typenschild Delphin 110 aus Pouch von 1958. Bild: www.patcool.de

Die Faltboot-Produktion gewinnt in den ersten drei Jahren schnell an Umfang, doch gibt es Konflikte mit der Werftleitung: Idealerweise soll sich die von der SED forcierte Konsumgüterproduktion in den Großbetrieben so weit wie möglich aus vorhandenen Materialbeständen speisen. Leider gibt es zwischen Großschiff und Faltboot nur eine geringe Schnittmenge, so dass die benötigten Materialien überwiegend extern beschafft werden müssen, teilweise sogar aus der Bundesrepublik. Zudem entsprechen die neuen Freizeitboote kaum der von oben verordneten Sparsamkeit in der Konsumgüterproduktion: Die Delphin-Modelle sind hochwertig verarbeitet und brauchen den Vergleich mit anderen am Markt verfügbaren Produkten nicht zu scheuen.

Der Werftleitung passt diese Entwicklung überhaupt nicht. 1957 wird nach nur drei Jahren der Faltbootbau wieder eingestellt, die entwickelten Modelle sollen von anderen Herstellern übernommen werden. Hier kommt nun Pouch ins Spiel, der VEB KTW übernimmt 1957 die Modelle Delphin 110 und Kolibri in sein Angebot. In Pouch wird der Delphin-Viersitzer weiterentwickelt und somit vom MTW-Vorgänger unterscheidbar, der einfachere Kolibri bleibt dagegen grundsätzlich unverändert. Vereinfachungen nimmt KTW aber an den Beschlägen vor, so fehlen z.B. an den U-Profilen der Senten die MTW-typischen Aussparungen.

Das scheinbar mit den übergeordneten Dienststellen nicht abgesprochene Ende des Faltbootbaus in Wismar bleibt eine kurze Episode. Der VEB MTW muss bereits 1958 die Faltbootproduktion wieder aufnehmen. Auf der Seite www.faltbootbasteln.de findet sich dazu eine schöne Quelle: Um "die Beschlüsse unserer Regierung und nicht zuletzt des V. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu erfüllen" treffen Wismar und Pouch die Vereinbarung, dass "die Produktion des von der MTW konstruierten und von Pouch weiterentwickelten Bootes Delphin 110  (D110) im Jahre 1959 von Wismar in erhöhter Auflage übernommen [wird]. Dieser Betrieb stellt ferner das gesamte Zubehör für das Boot, wie Segeleinrichtung und Bootswagen her".

Die in der genannten Quelle festgelegte Arbeitsteilung bleibt bis 1990 bestehen: MTW ist für die Mehrzweckboote und den kleinen Kolibri-Kajak zuständig.  In Pouch werden dagegen hochwertige Kajaks hergestellt, vor allem der populäre Reisezweier RZ 85 sowie der Einsitzer E 65.