Der unbekannte Kolibri

Während die Entwicklung der Delphin-Reihe insgesamt gut nachvollziehbar ist, wirkt die Fertigung des Kolibri über einen Zeitraum von etwa 15 Jahren teilweise etwas rätselhaft. Als Eckpunkte sind hier die Jahre 1965 und 1980 zu nennen:

Aufbauanleitung Kolibri mit Signet von LFB Stern.
Garantiekarte von LFB Stern mit vom MTW-Verfahren abweichender Baunr. 720450, Bild: PIET

» 1965: In der Fachzeitschrift Schiffbautechnik erscheint eine Übersicht über die bei der MTW in Wismar gefertigten Faltboote. Als einziges produziertes Kajak wird der Kolibri Typ II erwähnt.

» 1980: Rechnet man die bislang verfügbaren Baunummern des Kolibri III zurück, setzt bei MTW spätestens 1980 die Fertigung dieses Modells ein, wahrscheinlich aber schon ein oder zwei Jahre früher.

Die Produktion des in Wismar gefertigten Typ II lässt sich gegenwärtig bis 1968 belegen. Ein Jahr später wird im Dewag-Werbeprospekt "Wassersport 69" für 368,- Mark der Nachfolger Kolibri III angeboten. Als Hersteller ist allerdings die Firma Otto Thiele aus Leipzig aufgeführt. MTW tritt in diesem Prospekt ausschließlich mit den Delphin-4-Sitzern in Erscheinung.

Die Firma Otto Thiele ist im Faltbootbereich bekannter unter dem Namen Leipziger Faltbootbau (LFB) Stern. Zunächst als privatwirtschschaftliches Unternehmen geführt, wurde die Firma während der letzten großen Verstaatlichungswelle 1972 in den VEB Leipziger Faltbootbau überführt. Das Sortiment der Leipziger umfasste Einer- und Zweier-Kajaks, wobei die Zweisitzer mit 5,2 m der üblichen Länge entsprachen.

Ende der 60er-Jahre taucht der 4,5 m kurze Kolibri III im Sortiment von LFB Stern auf. Seine Konstruktion weicht nur in Details vom MTW-Vorgänger ab. Die Boote selbst verfügen über keine eindeutigen Merkmale, die sie als Produkte von LFB Stern ausweisen. Lediglich die Begleitpapiere tragen das Signet des Unternehmens, im Garantieschein ist eine vom MTW-Verfahren abweichende Bootsnr. eingetragen.

Bereits zu DDR-Zeiten entstehen deshalb Vermutungen, dass der Kolibri III in Wismar gefertigt und unter anderer Firmierung in den Verkauf gelangt. Als mögliche Ursache wird eine Intervention des DDR-Außenhandels genannt, der aus Vertriebsgründen einen "Etikettenschwindel" mit dem Namen des traditionsreichen Leipziger Unternehmens betrieben haben soll. Ob diese Vermutung stimmt, ist bis heute nicht sicher zu beantworten. Der MTW-Faltbootbau jedenfalls scheint während der 70er Jahre in seinem Signet die Trennung zu bestätigen: Dort ist in stilisierter Form ein Delphin-Mehrzweckboot zu erkennen.

Kolibri III, Nr. 952 aus dem Jahr 1974 in typischer Schreibweise von MTW, Bild: Peter Brinkmann

Keine These ohne Anti-These... Inzwischen wurden zwei Fälle von MTW-Kolibris aus den frühen 1970er Jahren berichtet: Die Betreiber von www.patcool.de hatten vor einiger Zeit ein Modell im Angebot mit der Bau-Nr. 1646/74. Aus dem gleichen Jahr stammt der Kolibri Nr. 952, zu dem mir Peter Brinkmann freundlicherweise Bilder zuschickte. Zwar ist das Boot wie zu der Zeit üblich ohne Markenangabe, aber die auf dem Packsack vermerkte Notation Nr./Jahr ist in der Art von MTW. LFB schrieb seine Bau-Nr. in entgegengesetzter Reihenfolge.